Aus dem Leben ...

17 März 2014

Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen.
Von meinem Sohn und einem älteren Herrn aus Rumänien.
Dieser Mann war in Österreich nach herrschender Meinung das, was man als "Sandler" (oder zu Deutsch "Penner") bezeichnen würde.
Er sprach fließend Arabisch und Italienisch, ein paar Brocken Englisch, aber leider kein Deutsch.
Wir verständigten uns mit Händen und Füßen und über kleine Erwähnungen nebenbei, erfuhr ich einiges zu seiner Geschichte.
Er saß immer an der selben U-Bahn Station, außerhalb des Stationsbereiches, um keinen Ärger zu bekommen.
Er saß einfach nur dort, mit einem Becher, einem Kreuz und einer Marien-Karte mit Segenswünschen.
Er sammelte halb aufgerauchte Zigaretten vom Boden und drehte sich neue daraus.
Von der Dame mit einem kleinen Marktstand an der Ecke bekam er immer das Obst mit Druckstellen geschenkt.
Vor sieben Uhr am Morgen war er nicht da. Das lag daran, dass er zum Arbeiten nach Österreich gekommen war. Natürlich hatte er keine Arbeitserlaubnis, aber Wien hat einen (allseits bekannten) Schwarzarbeiterstrich. Sehr früh am Morgen finden sich dort alle möglichen Menschen zusammen und sind froh, wenn sich jemand mit einem Auftrag an sie wendet.
Finden sie keine Arbeit, streifen sie mitunter bettelnd in der Stadt umher, bis zum nächsten Tag.

Suni war sein Name. Der Krümel war damals knapp drei Jahre alt und mochte den Mann auf Anhieb.
Jedesmal rannte er zu ihm, sobald er ihn erblickte. Dieser redet ganz lieb und freundlich mit ihm, zeigte reges Interesse an den Spielsachen, die der Krümel ihm zeigte und tätschelte seinen Kopf.
Wir hatten damals gerade genug Geld für uns und ich konnte ihm nur hin und wieder ein paar Cent zustecken. Im Winter hatte ich ab und an etwas zu Essen in der Tasche und gab ihm z.B. eine Mandarine oder ein frisches Croissant. Er war immer unsagbar dankbar und erfreut darüber.
Er bat nie um etwas, er saß einfach immer nur dort.
Einmal holte ich den Krümel von der Tagesmutter ab und er lag mir sofort in den Ohren, dass er Kekse wollte. Wir hatten nur überhaupt kein Geld für Kekse.
Die U-Bahn Fahrt dauerte 40 Minuten, mit jeder Menge Gequängel und Gemotze.
Als wir aus der U-Bahn ausstiegen, hatte der Krümel die Kekse schon abgeschrieben, als ihn Suni zu sich winkte und ihm eine kleine Packung Prinzenrolle zusteckte, die er bei der Tafel bekommen hatte.
Ihr könnt Euch die Freude bestimmt vorstellen. :)
Von da an bekam der kleine Mann immer mal wieder ein Bonbon und war richtig enttäuscht, wenn Suni einmal nicht an seinem Platz saß.
Er war selbst Vater, hatte drei Kinder, darunter auch so einen kleinen Sohn. Er verbrachte die meiste Zeit in Wien, um seiner Familie Geld schicken zu können.
Ein andermal entdeckte der Krümel Sunis leeres Feuerzeug und wollte damit spielen. Suni meinte, er solle es behalten. Es war schwer ihm begreiflich zu machen, dass ich das nicht als tolles Spielzeug empfand. Allerdings kam mir eine andere Idee. Das Feuerzeug war nämlich wiederbefüllbar.
Ich steckte es ein und füllte es zu Hause wieder auf. Am nächsten Tag drückte ich Suni das volle Feuerzeug in die Hand und er war überrascht und dankbar zugleich.

Manche Menschen sind sehr interessant und soviel mehr als nur die Schatten am Straßenrand.
Ich beurteile Obdachlose und Bettler nicht gern. Ich kenne ihre Geschichte nicht.

Allerdings kommt es auch vor, dass manche die Gutmütigkeit anderer gerne ausnutzen.
So kam einmal ein Mann auf mich zu und fragte nach Kleingeld für ein Brötchen.
Ich hatte ein frisches Brötchen in der Tasche und bot es ihm an.
Er wehrte perplex ab und meinte, er will Kleingeld und ging.
Da konnte ich nur lachen. :)

Kommentare:

  1. Schöne Geschichte :-)
    Ich versuche auch immer vorurteilsfrei mit Obdachlosen umzugehen, habe selbst durch meine Arbeit auch ein paar etwas näher kennengelernt und die Biographien dazu und die meisten leben nicht "grundlos" auf der Straße und/oder betteln.

    In Münster sitzen eigentlich auch immer die selben Menschen ungefähr an den selben Ecken, was mir nur mittlerweile nicht mehr gefällt ist, dass es dort immer mehr organisierte Bettelgruppen gibt, die nichts mit den "normalen" und stadtbekannten Obdachlosen/Bettlern zu tun haben.
    In Ms fallen da immer zwei Sorten auf,die immer internationalen Ursprungs sind (das ist wertfrei und nur beschreibend gemeint): Die eine Gruppe kniet stundenlang mit Bildern von süßen Kindern vor sich auf dem Boden und sind dann über die ganze Innenstadt verteit. Das geht ja nocht, wobei ich diese organisierten Gruppen nicht mag.
    Die zweite Gruppe besteht oft nur aus Kindern und Frauen, die einem in den Weg rennen und einem eine Rose "schenken" und es kommt eben öfter mal vor, dass die richtig patzig werden, wenn man die ablehnt.
    Diese Sorte des Bettelns hat für mich nichts mehr mit den klassischen Bettlern / Obdachlosen zu tun, nicht wegen der Nationalität, sondern wegen dieser an Banden anmutenden Praxis. Natürlich sind das sicher auch arme Schweine, wenn sie in solchen Gruppen landen, aber da gebe ich kein Geld ab, sorry.

    Bei den "normalen" Obdachlosen, werfe ich gerne, wenn es drinsitzt, Geld in den Hut, habe auch mal für eine Frau Tampons gekauft und Hundefutter. Da versuche ich ganz vorurteilsfrei zu sein.
    Freut mich, dass der Krümel da auch so offen ist und so gute Erfahrungen gemacht hat :-)

    Liebste Grüße
    Mia

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  2. Tolle Geschichte.
    Und gerade das Thema beschäftigt mich witzigerweise heute auch. Ich habe nämlich dazu etwas gelesen. Ein Obdachloser sagte einmal zu jemandem als Antwort, warum er betteln würde und nicht sich einfach arbeitslos melden und Geld vom Staat nehmen würde, daß er nicht von Menschen ausgehalten werden möchte, die das eigentlich gar nicht wollen. So, beim Betteln, bekommt er von Menschen, die freiwillig geben. Die Antwort hat mich arg beeindruckt und mein ganzes Bild in ein anderes Licht gerückt.
    Diese organisierten Bettelbanden mag ich weiterhin nicht, und die bekommen von mir auch nichts, egal ob das auch arme Schweine sind. Aber sie müssen es doch sowieso abgeben.... Auch bei den anderen Bettlern bin ich mir meist unsicher. Da achte ich einfach auf mein Gefühl.

    Wenn jemand Geld für Brötchen möchte, dann aber das frische Brötchen ablehnt, das ist ja wohl echt leicht durchschaubar.....

    beste Grüße,

    Kivi

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  3. das ist eine echt interresante geschichte...
    und sehr süß, schön das ihr so eine bekanntschaft schließen konntet und ihr ihn auch so helfen konntet

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